Tourenbindung einstellen – Z-Wert, Kingpin, Shift & Freeride
Tourenbindungen funktionieren grundsätzlich anders als alpine Bindungen – und das hat direkte Auswirkungen auf die Einstellung. Dieser Artikel erklärt die Unterschiede, welche Z-Werte für Tourenskier gelten, warum Hybridbindungen wie Marker Kingpin oder Salomon Shift besondere Aufmerksamkeit brauchen – und was Freerideskifahrer beim Einstellen ihrer Bindungen beachten müssen.
Tourenbindung vs. alpine Bindung – der grundlegende Unterschied
Eine alpine Bindung hat eine Aufgabe: Den Schuh beim Fahren zu halten und bei einem Sturz auszulösen.
Eine Tourenbindung hat zwei Aufgaben: Den Schuh beim Aufstieg frei am Ballen drehbar zu führen (damit der Hacken angehoben werden kann) – und denselben Schuh beim Abfahren sicher zu halten und bei einem Sturz auszulösen.
Diese Doppelfunktion macht Tourenbindungen konstruktiv komplexer und stellt besondere Anforderungen an die Einstellung.
Typen von Tourenbindungen im Überblick
Rahmenbindungen (Frame Bindings)
Die klassische Tourenversion: Ein Rahmen verbindet Vorder- und Fersenbacken, der Schuh wird für den Aufstieg am Ballenbereich eingespannt, der Fersenbacken klappt hoch. Beispiele: Salomon Guardian, Marker Baron Adventure, Atomic Backland Freetour.
Einstellung: Ähnlich wie alpine Bindungen. Der Z-Wert wird nach ISO 11088 berechnet und an Vorder- und Fersenbacken eingestellt. Im Abfahrtsmodus verhalten sich Rahmenbindungen wie alpine Bindungen.
Leichte Technobindungen (Tech-Bindungen / Pin-Bindings)
Für leichte Tourengeher und Skibergsteiger: Statt eines Fersenbackens gibt es zwei Pins, die in entsprechende Einsätze am Skischuh greifen. Sehr leicht, sehr kompakt – aber für aggressive Abfahrer und hohes Gelände nur eingeschränkt geeignet. Beispiele: Dynafit Speed Superlite, Hagan Core.
Einstellung: Technobindungen haben keinen klassischen Z-Wert. Das Auslöseverhalten wird über die Federvorspannung der Backen und die Passgenauigkeit der Tech-Einsätze im Schuh definiert. Niemals nach ISO-Tabelle „einstellen" – immer Herstellervorgabe und Fachbetrieb.
Hybridbindungen (Alpine-Touring AT Bindings)
Das Beste aus beiden Welten: Für den Aufstieg wie eine Technobindung (leichte Fersenhebung, Pins), für die Abfahrt wie eine vollwertige alpine Bindung mit messbarem Z-Wert. Beispiele: Marker Kingpin, Salomon Shift, Atomic Shift.
Einstellung: Komplex. Der Z-Wert ist einstellbar (wie alpine Bindungen), aber die Bindungsgeometrie und der Modus-Wechsel erfordern Kenntnis der jeweiligen Mechanik. Für diese Bindungstypen wird die Einstellung im Fachbetrieb dringend empfohlen.
Z-Wert bei Tourenbindungen – gilt dieselbe Tabelle?
Für Hybridbindungen (Marker Kingpin, Salomon Shift): Ja, aber mit einem wichtigen Hinweis: Diese Bindungen sind für Skischuhsohlen ausgelegt, die dem Touring-Standard entsprechen (ISO 9523 / MNC-Norm). Der Auslösemechanismus im Abfahrtsmodus ist nach ISO 11088 ausgelegt, aber die Wechselwirkung zwischen Pin-System und Schuhtyp macht eine professionelle Ersteinstellung zwingend notwendig.
Für reine Technobindungen: Nein. Diese Bindungen haben kein ISO-konformes Auslösesystem. Das Sicherheitskonzept ist ein anderes – und erfordert spezialisiertes Fachwissen.
Marker Kingpin – die wichtigsten Einstellhinweise
Die Kingpin ist eine der beliebtesten Hybridbindungen und eine häufige Quelle von Einstellfehlern, weil Nutzer sie mit alpinen Bindungen gleichsetzen.
Was anders ist
- Der Vorderbacken ist fix – er ist nicht einstellbar wie bei alpinen Bindungen
- Der einstellbare Teil ist der Fersenbacken (Abfahrtsmodus)
- Im Touring-Modus gibt es kein Auslösesystem – der Hacken ist frei
- Der Z-Wert wird nur am Fersenbacken eingestellt
Vorgehen
- Schuh in die Bindung einsetzen (Touring-Modus)
- Überprüfen, ob die Pins sauber in die Tech-Einsätze des Schuhs greifen (klares Einrasten)
- Auf Abfahrtsmodus umschalten
- Fersenbacken-Einstellschraube aufsuchen (oben am Fersenbacken)
- Z-Wert nach ISO-Tabelle einstellen – mit Berücksichtigung des Fahrertyps und des typischen Geländes
Salomon Shift – Besonderheiten
Der Shift ist noch komplexer als die Kingpin, weil er im Abfahrtsmodus einen vollständig geschlossenen Vorderbacken verwendet – aber für den Aufstieg öffnet und das Bein freigibt.
- Der Vorderbacken hat einen Z-Wert (einstellbar), aber die Einstellmethode weicht vom Standard ab
- Der Wechsel zwischen Aufstieg und Abfahrt aktiviert und deaktiviert die alpine Funktion des Vorderbackens
- Kompatibilität mit Schuhsohle beachten (MNC-Zertifizierung erforderlich für volle Freigabe)
Empfehlung: Ersteinstellung ausschließlich im Fachbetrieb. Nach professioneller Grundeinstellung können Routiniers den Z-Wert selbst nachjustieren.
Freeride-Bindungen – einstellen wie alpine Bindungen?
Freeride-Bindungen (z. B. Marker Duke, Marker Jester, Salomon STH2 WTR, Look SPX 15) sind technisch gesehen alpine Bindungen mit erweiterten Z-Wert-Bereichen (oft 4–16 oder 6–16) und erhöhter Elastizität.
Die Einstellung erfolgt nach derselben ISO-Tabelle wie für Pisten-Bindungen. Die höheren Z-Wert-Bereiche sind relevant für schwerere oder erfahrene Fahrer, nicht als Empfehlung zur Sicherheitserhöhung gedacht.
Besonderheit WTR/GripWalk-Sohle
Viele moderne Skischuhe für Freeride haben eine WTR (Walk-To-Ride) oder GripWalk-Sohle, die sich in der Geometrie von der ISO 5355-Normalsohle unterscheidet. Bindungen, die für WTR/GripWalk freigegeben sind, können beide Sohlentypen korrekt halten. Bindungen ohne diese Freigabe sollten nicht mit WTR/GripWalk-Schuhen kombiniert werden – die Auslösemechanik ist auf die falsche Sohlengeometrie ausgelegt.
Ist meine Bindung für den Sohlentyp meines Schuhs freigegeben? (Zulassungsliste des Herstellers prüfen) · Liegt der benötigte Z-Wert im Bereich der Bindung? · Ist der Fersenbacken auf die korrekte Sohlenlänge (BSL) eingestellt?
Ski-Alpin vs. Tourenski – unterschiedliche Sturzszenarien
Auf der Piste passieren Stürze oft schnell, mit hohem Tempo und klarem Drehmoment auf die Bindung. Im Tiefschnee und Gelände sind Stürze oft langsamer, aber die Verdrehungskräfte durch Schnee, Äste oder Unebenheiten können diffuser sein.
Einige erfahrene Tourengeher und Freerider passen den Z-Wert minimal nach oben an, um ungewollte Auslösungen im Tiefschnee zu vermeiden. Das ist eine Ermessensentscheidung auf eigene Verantwortung – Abweichungen vom ISO-Tabellenwert sollten gering sein (maximal eine Stufe) und nur von wirklich erfahrenen Fahrern vorgenommen werden.
Häufige Fragen zu Tourenbindungen
Muss ich meine Tourenbindung auch jährlich einstellen lassen?
Ja. Gerade bei Hybridbindungen ist der jährliche Check besonders wichtig, weil der Mechanismus für den Modus-Wechsel (Aufstieg/Abfahrt) ebenfalls verschleißt und die Verbindung mit dem Tech-Schuh an Passgenauigkeit verlieren kann.
Kann ich einen normalen Alpinski-Schuh in eine Tourenbindung einsetzen?
Das hängt von der Bindung ab. Rahmenbindungen akzeptieren oft normale ISO-5355-Alpinski-Schuhe. Technobindungen und Hybridbindungen benötigen Schuhe mit speziellen Tech-Einsätzen (zwei Pins vorne, zwei hinten). Immer die Freigabeliste des Bindungsherstellers prüfen.
Was ist MNC (Multi Norm Compatible)?
MNC ist eine Freigabe, die angibt, dass eine Bindung sowohl mit normalen Alpinski-Schuhen (ISO 5355) als auch mit Touring/WTR-Schuhen (ISO 9523) kompatibel ist. MNC-Bindungen können automatisch erkennen (oder manuell umgeschaltet werden), welcher Sohlentyp eingesetzt wird – und passen das Auslöseverhalten entsprechend an.
Tourenbindung einstellen lassen – was kostet das?
Durch die höhere Komplexität sind Tourenbindungen im Fachbetrieb oft etwas teurer als alpine Bindungen: 20–40 Euro, je nach Modell und Leistungsumfang. Mehr dazu: Skibindung einstellen lassen – Kosten →